Erklärt : So funktioniert der neue F1-Überholmodus ab 2026

Erklärt : So funktioniert der neue F1-Überholmodus ab 2026

Die Formel 1 verabschiedet sich 2026 von einem System, das seit 2011 die Rennen prägte und läutet eine neue Ära der Überholmanöver ein. Der klassische Drag Reduction System-Mechanismus gehört der Vergangenheit an. Stattdessen steht den Piloten ein innovativer Überholmodus zur Verfügung, der auf einer völlig anderen Technologie basiert. Diese Neuerung fügt sich nahtlos in das revolutionäre Reglement ein, das aktive Aerodynamik für alle Fahrzeuge auf den Geraden vorsieht. Die Veränderung markiert einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Rennfahrer künftig ihre Konkurrenten attackieren können.

Die technische Grundlage des neuen Systems

Im Gegensatz zum früheren aerodynamischen Ansatz nutzt der neue Überholmodus die Konfiguration der Antriebseinheit. Das Herzstück bildet die elektrische Gleichstromleistung des Energierückgewinnungssystems, wobei die ERS-K eine maximale Leistung von 350 Kilowatt bereitstellen kann. Die Funktionsweise basiert auf komplexen mathematischen Formeln, die in Artikel C.5.2.8 der technischen Vorschriften festgelegt sind und von der Geschwindigkeit des Fahrzeugs abhängen.

Ein Fahrzeug im Standardmodus kann das ERS-K bis zu einer Geschwindigkeit von 340 Kilometern pro Stunde nach einer spezifischen Formel nutzen. Die Leistungsabgabe in Kilowatt errechnet sich aus 1800 minus dem Fünffachen der Fahrzeuggeschwindigkeit. Bei 290 Kilometern pro Stunde erreichen alle Boliden einen kritischen Punkt, ab dem die elektrische Energie zu sinken beginnt. Diese Formel garantiert eine kontrollierte Energieverwertung entlang einer definierten Gleitbahn.

Die Berechnungen werden präziser bei höheren Geschwindigkeiten. Bei 338 Kilometern pro Stunde kann ein Fahrzeug noch 110 Kilowatt nutzen, während bei 339 Kilometern pro Stunde lediglich 105 Kilowatt zur Verfügung stehen. Ab 340 Kilometern pro Stunde ändert sich die Berechnungsgrundlage fundamental. Die neue Formel lautet 6900 minus dem Zwanzigfachen der Geschwindigkeit, was bei dieser Schwelle 100 Kilowatt ergibt. Mit jeder weiteren Geschwindigkeitssteigerung schrumpft die verfügbare Leistung rapide, bis bei 345 Kilometern pro Stunde das ERS-K keine Energie mehr liefert.

Leistungsvorteile für angreifende Piloten

Fahrzeuge mit aktiviertem Überholmodus profitieren von einer deutlich vorteilhafteren Formel. Die Leistungsabgabe berechnet sich hier aus 7100 minus dem Zwanzigfachen der Geschwindigkeit, gültig bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 355 Kilometern pro Stunde. Ein verfolgendes Auto bei 338 Kilometern pro Stunde kann dadurch 340 Kilowatt abrufen, während das verteidigende Fahrzeug lediglich 110 Kilowatt zur Verfügung stehen. Dieser massive Unterschied ermöglicht aggressive Angriffe auf den Geraden.

Der entscheidende Vorteil liegt in der längeren Verfügbarkeit dieser zusätzlichen Leistung. Während Fahrzeuge im Normalmodus bereits bei 290 Kilometern pro Stunde eine Leistungsreduzierung erfahren, beginnt die Energieabgabe im Überholmodus erst bei 337 Kilometern pro Stunde zu sinken. Diese erweiterte Nutzungsdauer verschafft dem angreifenden Piloten einen erheblichen strategischen Vorteil, der weit über die früheren DRS-Möglichkeiten hinausgeht.

Geschwindigkeit (km/h) Standardmodus (kW) Überholmodus (kW)
290 350 (Maximum) 350
338 110 340
340 100 300
345 0 200
355 0 0

Die FIA behält sich aus Sicherheitsgründen das Recht vor, die maximale Leistungsabgabe anzupassen. Diese Maßnahme gewährleistet, dass die Höchstgeschwindigkeiten mit der baulichen Beschaffenheit jeder Rennstrecke kompatibel bleiben. Modifikationen gelten dann sowohl für den Standard- als auch für den Überholmodus. Die maximal zulässige Energierückgewinnung beträgt 8,5 Megajoule pro Runde, wobei Fahrer im Überholmodus zusätzliche 0,5 Megajoule ernten dürfen.

Aktivierung und operative Regelungen

Mindestens vier Wochen vor jedem Grand-Prix-Wochenende erhalten die Teams detaillierte Informationen über die Verwendung des Überholmodus. Die FIA kommuniziert den Erkennungspunkt zur Abstandsmessung zwischen den Fahrzeugen sowie den Wert der Erkennungslücke. Während der DRS-Ära lag dieser bei einer Sekunde, doch für den neuen Modus existiert keine festgelegte Vorgabe. Gleichzeitig werden die Positionierung der Erkennungslinie und der Aktivierungslinie bekannt gegeben.

Zahlreiche betriebliche Überlegungen aus der DRS-Zeit bleiben weiterhin relevant. Die wichtigsten Bestimmungen umfassen folgende Aspekte :

  • Der Überholmodus bleibt in der ersten Runde eines Grand Prix deaktiviert und wird erst aktiviert, nachdem der Führende den Erkennungspunkt passiert hat
  • Nach einer Safety-Car-Phase erfolgt die Aktivierung erst, wenn alle Fahrzeuge den Erkennungspunkt durchfahren haben
  • Bei schlechter Sicht oder geringem Grip kann der Rennleiter das System jederzeit deaktivieren
  • Das System steht während aller Trainings und Qualifyings zur Verfügung
  • Eine Deaktivierung während eines Qualifying-Segments gilt bis zum Ende dieses Abschnitts

Besonderheiten bei technischen Störungen

Piloten dürfen den Überholmodus ausschließlich nutzen, wenn automatisierte Systeme ihnen die Freigabe signalisieren. Bei technischen Ausfällen, die eine Benachrichtigung über die Aktivierung oder die Nutzungsberechtigung verhindern, muss der betroffene Rennfahrer den Rennleiter um manuelle Bedienungserlaubnis bitten. In solchen Fällen liegt die Verantwortung für die korrekte Verwendung beim Team selbst.

Die Abschaffung des klassischen Flügelmechanismus zugunsten eines leistungsbasierten Ansatzes unterstreicht die technologische Evolution der Formel 1. Während das frühere System einfach funktionierte und Überholmanöver erleichterte, bietet der neue Modus eine komplexere und nuanciertere Methode. Die Piloten müssen nicht mehr ausschließlich auf aerodynamische Tricks setzen, sondern können die elektrische Leistung ihres Antriebsstrangs strategisch einsetzen. Diese Neuerung verspricht spannendere Rennen mit einem höheren Maß an technischem Können und strategischer Planung bei den Teams und ihren Fahrern.

Maximilian Hoffmann
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