Alpine mag derzeit den letzten Platz in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft belegen, doch das französische Formel-1-Team aus Enstone schreibt Geschichte. Mit bereits 20 gesammelten Punkten nach 14 Rennen der Saison 2025 stellt Alpine einen bemerkenswerten Rekord auf: Noch nie zuvor hat ein Schlusslicht so viele Zähler eingefahren. Diese außergewöhnliche Leistung wirft die Frage auf, ob Alpine möglicherweise das beste schlechteste Team in der Geschichte der Königsklasse des Motorsports darstellt.
Die Besonderheit dieser Situation liegt nicht nur in der schieren Anzahl der Punkte, sondern auch in der Art und Weise, wie sie erzielt wurden. Pierre Gasly trägt die komplette Punkteausbeute des Teams auf seinen Schultern, während seine Teamkollegen Jack Doohan und Franco Colapinto bislang leer ausgingen. Gaslys beste Platzierung, ein sechster Rang beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone, unterstreicht das Potenzial des Autos, wenn alles zusammenpasst.
Historische Vergleiche zeigen Alpines Ausnahmestellung
Um Alpines bemerkenswerte Leistung richtig einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf vergangene Schlusslicht-Teams. Toro Rosso sammelte 2009 über eine komplette 17-Rennen-Saison hinweg lediglich acht Punkte durch Sebastien Bourdais und Sebastien Buemi. Rechnet man diese Leistung auf das heutige Punktesystem um, hätten die Italiener damals 29 Punkte erreicht – allerdings über mehr Rennen und mit häufigeren Ausfällen, die schwächeren Teams gelegentlich Top-10-Plätze ermöglichten.
Ein weiteres interessantes Vergleichsteam ist Minardi aus dem Jahr 2005. Die italienische Mannschaft erzielte sieben Punkte, mehr als in den zehn Jahren zuvor zusammen. Diese Punkte stammten jedoch größtenteils aus dem berühmt-berüchtigten Sechs-Auto-Rennen beim Großen Preis der USA in Indianapolis. Abgesehen von diesem außergewöhnlichen Ereignis war Minardi ein klassisches Hinterbänkler-Team mit einer besten Qualifying-Position von Platz 13.
Haas hingegen setzte 2023 mit zwölf Punkten über 22 Rennen einen beachtlichen Maßstab. Nico Hülkenberg steuerte neun Punkte bei, Kevin Magnussen drei, wobei Hülkenbergs siebter Platz in Melbourne das Highlight darstellte. Das amerikanische Team zeigte in der Qualifikation deutlich stärkere Leistungen als Alpine aktuell, erreichte 34 von 56 möglichen Top-15-Platzierungen und schaffte es 14 Mal ins Q3.
Qualifying-Leistungen als Gradmesser der Konkurrenzfähigkeit
Die Qualifying-Performance liefert aussagekräftige Einblicke in die wahre Stärke eines Teams. Alpine erreichte bisher in 18 von 34 möglichen Sessions das Q2, was Sprint-Qualifyings einschließt. Bereinigt um diese zusätzlichen Sessions sind es 16 von 28 regulären Qualifying-Sitzungen. Diese Quote zeigt eine solide Grundleistung, auch wenn sie nicht an Haas‘ 2023er-Werte heranreicht.
Toro Rosso schaffte 2009 in 14 von 34 möglichen Sessions den Sprung über die erste Qualifying-Hürde. Sebastien Buemi erreichte damals als Highlight eine sechste Startposition beim Großen Preis von Brasilien. Hülkenberg hingegen qualifizierte sich 2023 spektakulär als Zweiter in Kanada und als Vierter für das Sprint-Rennen in Österreich, was Gaslys beste Qualifying-Position von Platz fünf in Bahrain in diesem Jahr übertrifft.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass verschiedene Teams unterschiedliche Ansätze zum „Schlusslicht-Dasein“ verfolgen. Während manche in der Qualifikation glänzen, aber am Sonntag versagen, konzentrieren sich andere auf Renntag-Performance. Alpine scheint einen ausgewogeneren Ansatz zu fahren, auch wenn die zweite Fahrzeughälfte deutlich hinterherhinkt.
Die Punktesammler-Geschichte der Formel 1 Schlusslichter
In der Formel-1-Geschichte haben insgesamt 13 Mal letztplatzierte Teams Punkte gesammelt, verteilt auf neun verschiedene Rennställe. Den Anfang machte Arrows im Jahr 2002 mit zwei Punkten durch Heinz-Harald Frentzen, der zweimal den sechsten Platz erreichte. Diese Liste umfasst renommierte Namen wie Minardi, Spyker, Manor, Sauber und Williams, die alle zeitweise als Schlusslichter dennoch Zähler einfahren konnten.
Die folgende Tabelle zeigt die erfolgreichsten Schlusslicht-Teams nach Punkteausbeute:
| Team | Jahr | Punkte | Rennen |
|---|---|---|---|
| Alpine | 2025 | 20* | 14* |
| Haas | 2023 | 12 | 22 |
| Toro Rosso | 2009 | 8 | 17 |
| Minardi | 2005 | 7 | 19 |
| Williams | 2022 | 8 | 22 |
*Saison noch nicht beendet
Diese Übersicht zeigt deutlich Alpines außergewöhnliche Position. Selbst wenn das Team keine weiteren Punkte sammeln sollte, hätte es bereits den Rekord für das erfolgreichste Schlusslicht aller Zeiten aufgestellt. Mit noch acht Rennen vor sich und Pierre Gaslys konstant starken Leistungen könnte dieser Vorsprung noch weiter ausgebaut werden.
Potenzial versus Realität im Konstrukteurskampf
Trotz der beeindruckenden Punkteausbeute bleibt Alpine realistisch betrachtet auf dem letzten Platz gefangen. Haas liegt aktuell 15 Punkte vor den Franzosen, ein Rückstand, der schwer aufzuholen sein dürfte. Das amerikanische Team profitiert von der Leistung beider Fahrer, während Alpine komplett auf Gasly angewiesen ist. Jack Doohan und Franco Colapinto haben bisher keinen einzigen Top-12-Platz am Sonntag erreicht, was die Einseitigkeit der Team-Performance unterstreicht.
Diese Asymmetrie macht Alpine zu einem faszinierenden Studienobjekt. Ein Auto, das regelmäßig Punkte einfahren kann, aber nur in den Händen eines Fahrers funktioniert, wirft Fragen über Setup-Philosophie, Fahrer-Anpassung und technische Entwicklung auf. Gaslys Erfolg zeigt das wahre Potenzial des Autos, während seine Teamkollegen die Schwächen des Pakets offenlegen.
Die verbleibenden Rennen werden zeigen, ob Alpine diesen historischen Rekord weiter ausbauen oder möglicherweise sogar den Sprung vom letzten Platz schaffen kann. Eines steht jedoch bereits fest: Selten hat ein Schlusslicht so überzeugend demonstriert, dass Tabellen-Position nicht immer die ganze Geschichte erzählt.
- Toto Wolff nennt ungesehenen F1-Testvorfall wichtigen Hinweis für 2026 - Februar 7, 2026
- Gehälter der Formel-1-Fahrer : Wer verdient wie viel in der F1 ? - Februar 5, 2026
- Audi Unterhaltskosten : Sind sie wirklich teuer im Unterhalt ? - Februar 4, 2026


